Wie eigentlich können wir Physiotherapeuten im Osten eigentlich noch arbeiten und leben?
Ja, das scheint ein Rätsel zu sein. In einem Beitrag einer Verbandszeitschrift wurde ein Artikel in 2008 veröffentlicht, wo ein West-Physiotherapeut meint, eine reine Physiotherapie auf Kassenleistungen könnte nicht mehr überleben. Dabei legte er einen Durchschnittspreis zugrunde, der mich regelrecht vom Hocker geholt hat. Dieser lag um 45% höher, als der Preis, welchen ich hier in Sachsen bekomme. Ich konnte daraus nur entnehmen, dass der West-Physiotherapeut tatsächlich nur den Westen sah und von den alten Bundesländern den Durchschnittspreis angab. Warum ich noch lebe und arbeite? Ich bin eben Ostler geblieben und habe mich selbst eingeschränkt.
Daraus aber ist ersichtlich, dass der in einer Ostphysiotherapie verdiente West-Euro nur weniger als 70 Cent wert ist. Der Ost-Euro müsste um 45 Cent aufgestockt werden auf 1,45 Euro!
Ab 1.1.2009 nun ist das Gesundheitswesen auf dem Wege der Einheit. Die Ärzte bekamen dieses Jahr die Angleichung an das Westhonorarniveau. Eigentlich alle im Gesundheitswesen haben ihre Angleichung erfahren, nur die Heilmittelerbringer nicht. Ab Jan 2008 sind die Berufsgenossenschaften schon vorgeprellt und gaben den Physiotherapeuten 100% West. Das war ein gutes Zeichen. Bis jetzt aber hat sich nichts weiter bewegt. Wohlgemerkt, die Berufsgenossenschaften haben am Umsatz nur einen Anteil von ca. 2%, das sind 2 Hundertstel. Dadurch konnte also ein Mitarbeiter, welcher 1000 Euro brutto bekäme, 20 Euro mehr bekommen im Monat. Wo also sind die restlichen 448 Euro, die zum Westniveau fehlen?
Niemand spricht darüber in der Politik. Wir haben keine starke Lobby.
Seit April 2008 kämpfen die Verbände um die Angleichung. Jetzt ist September 2009. Die Schiedskommission wurde angerufen, da die Kassen nicht bereit sind, eine schrittweise Angleichung zu geben. Nicht einmal schrittweise! Im Westen wurden inzwischen die Gebühren mehrfach angehoben, somit unser Abstand weiter vergrößert.
Wenn man bedenkt, dass Menschen für extrem wenig Stundenlohn arbeiten gehen und dieser erst noch auf 7,50 oder 8 Euro gesetzlich angehoben werden soll, brauche ich mich nicht schämen, wenn meine Angestellten wesentlich mehr Stundenlohn erhalten als 6 oder 7 Euro. Was aber macht ein Physiotherapeut? Ist das ein geistiger Arbeiter oder ein körperlicher Arbeiter? Nein, beides. Und dazu kommt noch eine ganz besonders große körperliche und geistige Anstrengung. Denn ein Physiotherapeut ist ein heilkundiger Mensch, der mit der Kraft seiner Erkenntnis, der Einfühlung und seinen Methoden den kranken Menschen hilft, zur Gesundheit zurückzukehren oder wenigstens immer wieder eine Linderung zu erfahren. Physiotherapeuten herabzuwürdigen, wie die Politiker das getan haben, als reine Wohlfühlbehandlungen ohne einen wissenschaftlichen Wert, das ist eine arge Verleumdung. Sie verfolgte nur ein Ziel: Einschränkung der Leistungen.
Wie soll das weitergehen?
Jetzt, wo alle Kassen den gleichen Beitrag kassieren werden, erwarten die Versicherten annähernd gleich gute Leistungen. Werden die Erwartungen aber nicht erfüllt, so wird es Versicherungswechsel geben. In den letzten Jahren gab es die Wechsel von den guten Kassen, z. B. der Barmer, der GEK, der DAK, welche für eine Krankengymnastik 12,16 Euro vergüten, hin zu den billigeren Kassen wie AOK mit 10,62 Euro, BKK mit 10,50 Euro oder IKK mit 10,43 Euro. Zudem überzieht die IKK Sachsen noch seit Monaten die Zahlungsfrist meiner Leistungen mit ihrem Abrechnungszentrum DDG Essen.
Auf diese Weise fielen die Umsätze der Physiotherapeuten Ost allein dadurch, dass die Patienten immer mehr Mitglieder bei geringeren Honoraren bildeten. Was also hält diese Mitglieder jetzt davon ab, zu den Kassen zurückzukehren, welche besser sind, weil sie mehr leisten?
So wird sich das System angleichen. Zu hoffen bleibt, dass das von allen Seiten so gesehen wird.